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Paul-Th. Ewert


Praxis für Systemische Therapie
und Beratung in Bremen

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Thesen zum Pornografiekonsum von Kindern und Jugendlichen
(Stand 08/2011)

Leider sind die meisten der unten aufgeführten Thesen keine Thesen mehr im eigentlichen Sinn. Sie sind das Ergebnis von Erfahrungen mit vielen Jungen und Mädchen und mittlerweile teilweise wissenschaftlich belegt.

These 1:

Die jetzige Generation der 10-15 jährigen Jungen ist die erste "native porn consume generation, kurz "NATPORN-GENERATION". Die Folgen werden in gesellschaftlicher Breite erst in 5 bis 10 Jahren angemessen wahrgenommen werden, wenn schon die nächste "Natporn-Generation" herangewachsen ist." Ein breit angelegter Menschenversuch.

These 2:

Die verheerende Wirkung von Pornografiekonsum entfaltet sich in der Kombination verschiedener Faktoren:

  • Eintrittsalter: (Tendenz: gerade bei "native digital usern" geht der Trend Richtung 10 Jahre und jünger); Beziehungs- und Sexualentwicklung werden massiv irritiert
  • Ungehinderter Zugang: zu sämtlichen Internetinhalten; Empathiefähigkeit wird systematisch reduziert
  • Medienkompetenz: bezieht sich im Allgemeinen bisher nur auf Anwendungsfähigkeiten. Das Erlernen einer sozialen Ethik in Bezug auf ein achtungsvolles Miteinander als Basis jeglicher Beziehungen ist schon ohne Internet schwierig genug
  • Sexualität: ist systemimmanent ein Bereich, den Jugendliche, vor allem männliche, nicht nach Außen gegenüber Erwachsenen kommunizieren. Innerhalb der peergroups sind andere Aspekte als die kritische Reflexion von sexuellen Erlebnissen, auch virtuellen, bei Jungen wichtig.

These 3:

Es finden bei vielen Jugendlichen Minitraumen statt. Die unbewussten Verarbeitungsmechanismen unterscheiden sich je nach Persönlichkeit der Jungen (Mädchen). Da Mädchen sich hier häufiger besser gegenüber dem "freiwilligen" Konsum abgrenzen können, sind sie stärker mit den indirekten Folgen des Konsums der Jungen konfrontiert.

These 4:

Je nach Ressourcen der Jungen, wie eigene soziale Fähigkeiten, soziales Umfeld der Familie, der Freunde, sprachliche Fähigkeiten und Intelligenz, sind die Auswirkungen breit gestreut und reichen von einer gestörten Sexualbiografie bis zu sexualisierten Gewaltexzessen mit jahrzehntelangen Folgen.

These 5:

Dies bedeutet, dass ein zur Zeit noch überwiegender Teil der Jugendlichen in der Lage zu sein scheint, einen Abgleich zwischen der im Internet gesehenen Darstellung von Sexualität und dem Bedürfnis und dem Erleben eigener sexueller Erfahrung vorzunehmen.

These 6:

Die Biografiearbeit bzw. die Sexualanamnese von Sexualstraftätern und auch von nicht straffällig geworden sexsüchtigen Klienten zeigt, dass dieser Prozess sehr fragil ist und schon kleine Erschütterungen wie abschätzige Bemerkungen von MitschülerInnen oder Erwachsenen starken negativen Einfluss haben können. Das Selbstwertgefühl wird massiv erschüttert.

These 7:

Es gibt zur Zeit drei identifizierte kritische Jungencluster:

  • Jungen mit soziopathologischer Veranlagung: ca. 1% der Bevölkerung. Schon jetzt die Gruppe, die als Erwachsene verheerende Folgen produzieren.
  • Sozial gehemmte, zurückgezogene Jungen, die kompensatorisch und regressiv nahtlos von sexualisierten Comicserien zur häufig genreübergreifenden Pornografie wechseln. Die Sexualentwicklung kommt zum Erliegen und ohne, dass sie im eigentlichen Sinne pädosexuell sind, wird zunehmend und lange andauernd Jugend- bzw. Kinderpornografie konsumiert.
  • Jungen, die scheinbar angepasst, oberflächlich betrachtet vielleicht nur dadurch auffallen, dass sie in verschiedenen Bereichen sogenannte "Späße" ausführen, nichts ernst nehmen und Anderen Schäden zufügen. Mit zunehmendem Alter und Entwicklung kommt es bei ihnen zu scheinbar überraschenden Handlungen wie Vergewaltigungen in Verbindung mit Alkoholmissbrauch und über Jahrzehnte andauernden Prostituiertenbesuchen. Der Anteil dieser (späteren) Männer liegt zur Zeit bei ca. 7%, Tendenz zunehmend, die eine aktive Gewaltanwendung zur Durchsetzung sexueller Interessen anwenden.

These 8:

Die Folgen für die Behandlung von kindlichen/jugendlichen sexuellen Grenzverletzern:

  • Erweiterung der Sexualanamnese und die Erfassung der Beschäftigung mit Comics, Konsolen, Trickfilmen, Fernsehen, Computern, Internet, Pornografie; auch der Geschwister.
  • Erstellung eines Medienkonsumprotokolles (ähnlich spezifisch angepasst wie das "KAP" (Kinderpornografiekonsumanalyseprotokoll) bei erwachsenen Straftäter, FGP).
  • Arbeiten mit dem gesamten betroffenen Familiensystem unter der Prämisse, dass kindliche/jugendliche Grenzverletzer als Indexer agieren.
  • Niedrigschwellige, kontinuierliche Angebote zur Prävention entwickeln.

These 9:

Global politische, gesetzliche, und technische Voraussetzungen dafür schaffen, dass der Zugang zu pornografischen oder gewaltverherrlichenden Inhalten wirksam altersbeschränkt wird. Eine Verpflichtung der Politik, deren Einforderung auch von unten kommen muss.

These 10:

Ausbildung sämtlicher Fachkräfte, die mit Kindern/Jugendlichen arbeiten, um diese als potentielle AnsprechpartnerInnen zum Umgang mit diesem Thema zu befähigen. Also Änderung bzw. Ergänzung bestehender Ausbildungscurricula, um in allen Zusammenhängen wirksam reagieren zu können (Pornografiekompetenztraining).

These 11:

Die Schaffung flächendeckender Angebote für Opfer- und "Täter"-Beratung ist zeitnah notwendig, um auch nur ansatzweise die schon zu erwartenden Folgen zu begrenzen.

Eine Bitte

Ich würde mich freuen, Rückmeldungen zu obigen Arbeitshypothesen von Fachleuten und Multiplikatoren, aber auch von Eltern oder anderen Menschen zu erhalten. (per Email unter info@praksys-bremen.de). Besten Dank!